Pressebericht vom 14. Juli 2014 in der Rhein-Zeitung (Yvonne Stock)

Geschichtsfans stöbern in Nickenichs Archiv
Von unserer Mitarbeiterin Yvonne Stock


Nickenich. Es ist ein Mammutprojekt, dem sich Heinrich Funk und seine Mitstreiter in Nickenich verschrieben haben. Sie wollen das Ortsarchiv sichten, katalogisieren und digitalisieren. Lange Regalreihen mit unzähligen Ordnern voller Unterlagen warten in den Räumen unter dem Dach des alten Rathauses auf die Geschichtsfans. Berge von Fotos müssen gesichtet werden, nebenan stehen noch zahlreiche ungeöffnete Kisten. „Vor zwei Jahren fingen die Ersten an, hier Ordnung zu schaffen, aber wir sind noch lange nicht fertig“, sagt Funk. Mit seinen Mitstreitern ist er gerade dabei, einen Geschichtsverein zu gründen. „Johannes Andernach hat das Ganze ins Rollen gebracht“, erzählt Funk. Als der alte Verein Kreis für Heimat- und Kulturpflege 2007 aufgelöst wurde, habe man ihn angesprochen, ob er das nicht weiterführen wolle. Inzwischen hat Funk 16 Vereinsmitglieder zusammen und ein großes Ziel: Bis zum 950-jährigen Bestehen Nickenichs im Jahr 2019 wollen sie den Inhalt der Schätze unter dem Rathausdach nicht nur digitalisiert, sondern daraus auch eine Ortschronik erstellt haben. „Wir können die Geschichte ja nicht neu schreiben, aber das alles bis 2019 zusammenzuführen, wird ein Teil der Aufgabe des Vereins sein“, so Hans Egon Schwarz. Die Frage ist nur: Wo fängt man an, und wo hört man auf? Heinrich Ferdinand Freiherr von der Leyen zu Nickenich, an dessen Zeit als Domprobst im Mainzer Dom noch eine Figur erinnert, wird wohl seinen großen Auftritt bekommen. Aber was ist mit den vielen anderen Anekdoten, auf die die Heimatforscher bei der Sichtung der Unterlagen stoßen? Grinsend zeigt Burkhard Weber auf ein Schreibmaschinenschreiben vom Kreisernährungsamt aus dem Jahr 1947, nach dem Nickenich die Zahl der Hühnerhalter zu melden habe. Beim vergangenen Mal seien es 254 gewesen. Schwarz erinnert sich an ein Rundschreiben der Amtsverwaltung Andernach kurz nach dem Krieg, das den Nickenichern untersagte, ein bestimmtes Theaterstück aufzuführen: „Darin wurde der Hunger zu sehr thematisiert, das war nicht erwünscht“, erklärt Schwarz. Chancen auf den Titel des ältesten Dokuments hat eine Kopie eines Kirchenbuchs von 1628, in dem Taufen, Hochzeiten und Sterbefälle akribisch dokumentiert sind – in alter, heute kaum noch lesbarer Handschrift. Neben den alten Unterlagen der Gemeinde stammt ein großer Teil der Dokumente und Fotos aus Privatbesitz: „Viele, die nicht wissen, ob ihre Nachfahren das nach ihrem Tod entsorgen, geben die Sachen lieber uns“, so Schwarz. Denn die Begeisterung für die Geschichte des Heimatortes komme erst mit dem Alter, sagen die Vereinsmitglieder. So sind bei ihnen überwiegend Rentner aktiv. „Wenn wir ein Bild aus den 1950ern aus Nickenich sehen, dann könne wir uns an die Leute darauf noch erinnern“, erklärt Weber. Dieser persönliche Bezug weckt das Interesse. Ist im Hintergrund ein Gebäude zu sehen, das heute gar nicht mehr steht? Schon ist ein neuer Ansatz für Nachforschungen gefunden. Von denen stehen bereits einige auf der Liste: „Gibt es vielleicht noch Leute, die etwas über die ehemalige Kolpingfamilie erzählen können?“, fragt sich Funk. Die Geschichte der alten Heimschule, von der noch die Ruine steht, interessiert die Männer und Frauen im Verein genauso wie die der Kirche, der Schule, der Juden und der Vereine in Nickenich. Acht von ihnen arbeiten regelmäßig mittwochs im Archiv und würden sich über weitere aktive und passive Unterstützer freuen. Auf der nächsten Versammlung am 24. Juli um 19.30 Uhr im alten Rathaus, Kirchstraße 16, sollen Arbeitskreise für die verschiedenen Aufgaben gebildet werden, so Funk. Denn der Verein möchte nicht nur das Wissen sammeln, sondern auch weitergeben. Bürger und Gäste über geschichtsträchtige Orte in Nickenich zu informieren, schwebt den Gründern vor. „Wir wissen jetzt noch gar nicht, was alles auf uns zukommt“, sagt Funk.

Wer alte oder aktuelle Fotos oder Dokumente mit Bezug zu Nickenich dem Archiv zur Verfügung stellen oder im neuen Geschichtsverein aktiv werden möchte, kann Heinrich Funk unter Tel. 02632/832 23 erreichen.

Rhein-Zeitung vom Montag, 14. Juli 2014