Pressebericht vom 17. Mai 2016 im Pellenzblatt (Michael Harbecke)

Günter Sterns Flucht vor Hitler nach England
Phyllida Scrivens schrieb Buch über den jüdischen Nickenicher
Nickenich-miha: Es ist eine bemerkenswerte Geschichte. Eine Geschichte, die nur die Vergangenheit schreibt. Der Nickenicher Günter Stern, Jahrgang 1924, floh 1939 vor den Nationalsozialisten und kam mit einem der britischen Kindertransporte zu einer Gastfamilie in England. Seine Eltern Ida und Alfred starben 1942 in dem Vernichtungslager Sobibor in Polen. Günter Stern war derweil in Großbritannien in Sicherheit. Er erfuhr eine gute Schulbildung, machte Abitur, und ging zu den Streitkräften - nun unter dem Namen Joe Sterling. Später sollte er ein erfolgreicher Reiseunternehmer werden, der heute noch in Norwich/England als fast 92-jähriger lebt. Die britische Autorin Phyllida Scrivens, selbst aus Norwich stammend, ist als freie Biographin tätig. Scrivens hat Sterns Lebensgeschichte im gerade erst erschienen Buch „Escaping Hitler - A Jewish Boy’s Quest for freedom and his future“ - verarbeitet. Ihr Werk stellte sie im Rahmen der Lesung des Geschichtsvereins Nickenich vor.
Jutta Hansen, Mitglied des Geschichtsvereins, hatte 2013 mit Scrivens gemeinsam in Nickenich über das Leben Günter Sterns Forschungen betrieben. Dort haben sie die früheren Stätten des jungen Günters aufgesucht, der in der Hintergasse 14 wohnte. Phyllida Scrivens erzählte auf der Lesung von ihrer emotionalen Reise in Günters Heimat: „Als ich Günter Stern in Norwich kennenlernte, wusste ich sofort, dass ich über ihn schreiben wollte. In den vier Jahren meiner Recherche habe ich mich selbst nach Nickenich aufgemacht, um mehr über seinen Kindheitsort zu erfahren. Als ich über die Pflastersteine des Dorfes ging, dort wo der junge Günter damals mit seinen Freunden mit Blechdosen Fußball spielte, war das für mich doch sehr berührend.“
Bei der Lesung, die von der Ortsgemeinde Nickenich ausgerichtet worden war, begrüßte Günter Stern das Nickenicher Publikum virtuell. Mit seinen über 90 Jahren sah er sich nicht mehr in der Lage, eine so weite Reise aufzunehmen. Stern blickte die Nickenicher mit wachen und sympathischen Augen an, die nichts an ihrer Strahlkraft verloren haben. Er richtete herzliche Worte an das Auditorium, welches sich die Präsentation seiner ergreifenden Lebensgeschichte zu Herzen nahm: „Liebe Nickenicher Freunde, ich freue mich, Euch nach all den vielen Jahren auf diese Weise eine Nachricht zukommen zu lassen. Phyllida Scrivens hat mein Leben mit all den harten Jahren lesenswert zu Papier gebracht. Ich hoffe, dass es Euch gefällt.“
Nickenichs Bürgermeister Gottfried Busch begrüßte die Autorin und erzählte von einem Treffen mit Günter Stern vor mehreren Jahren: „Liebe Phyllida Scrivens, endlich wurde die Geschichte von Günter Stern aufgeschrieben. Als Günter hier in Nickenich zu Besuch war und ich mich mit ihm unterhalten durfte, war klar, dass die schrecklichen Ereignisse im Dritten Reich nicht in Vergessenheit geraten dürfen!“ Phyllida Scrivens, welche aus ihrem englischsprachigen Buch über Günter Stern vorlas, wurde von der Tochter Jutta Hansens, der Anglistikstudentin Jessica Hansen, unterstützt. Sie übersetzte die Passagen, so dass auch der Publikumsteil, welcher nicht der englischen Sprache mächtig war, in den Genuss des Buches kam. Am Anschluss der Veranstaltung gab es nach einer Signier- und Verkaufsstunde Gelegenheit, mit Phyllida Scrivens ins Gespräch zu kommen.
Jutta Hansen und die Mitglieder des Geschichtsvereins Nickenich zeigten sich vom Abend positiv überrascht: „Wir hätten nie gedacht, dass so viele Bürgerinnen und Bürger gekommen wären. Das macht uns stolz! Es besteht anscheinend ein großes Bedürfnis, mehr über Nickenichs Heimatgeschichte im Dritten Reich zu erfahren. Schade nur, dass Günter nicht bei der Lesung anwesend sein konnte. Er hätte sich über diese Resonanz sicherlich sehr gefreut!“ Wer das Buch erwerben möchte, kann sich an den Nickenicher Geschichtsverein wenden.